Die Anonymität im Internet lässt Hemmungen sinken

Im Nachgang der diesjährigen OpenMind Veranstaltung konnte man wieder sehr gut beobachten, wie sehr die (vermeintliche) Anonymität im Internet anscheinend bei manchem Zeitgenossen dazu führt, das sie alle Hemmungen fallen lassen und ihre Erziehung vergessen.

Konkret geht es mir dabei um die Anfeindungen und Bedrohungen einer 20jährigen, die sich kritisch zu der Aufschrei-Debatte geäußert und dabei, wie sie selber zugibt, durchaus im Ton vergriffen hat. Fakt ist jedenfalls, das wohl ein Tweet dieses Mädchens, der als Beispiel für so genanntes Hate-Speech herangezogen wurde, so präsentiert wurde, das die Urheberin leicht zu identifizieren war und in Folge dessen von einigen Mitbürgern ein regelrechter Vernichtungsfeldzug gegen sie gestartet wurde. Das Mädchen sah sich infolge dessen und aus Angst vor weiteren Repressalien dazu veranlasst, ihr Blog abzuschalten und ihren Twitter-Account als privat zu kennzeichnen.

Ich will mich jetzt auch gar nicht weiter darüber auslassen, ob es besser gewesen wäre, die in dem Vortrag gezeigten Beispiele von Anfang an zu anonymisieren oder ob das Mädchen nicht doch auch selber Schuld ist oder nicht. Mir geht es eher um die gesellschaftliche Komponente dieser Ereignisse, die uns als Gesellschaft zu denken geben sollten.

Anscheinend ist ja wohl so, das einige Mitmenschen im Internet deutlich extremer auf Kritik und Meinungen, die von der eigenen abweichen, reagieren, als sie es wahrscheinlich im real life tun (würden). Ein möglicher Grund dafür dürfte wohl sein, das sie sich aufgrund der Anonymität im Internet durch die Nutzung von Pseudonymen relativ sicher vor Verfolgung durch die Strafverfolgungsbehörden wähnen. Das sie aber anhand ihrer IP-Adresse durchaus ausfindig gemacht werden und für ihr Tun belangt werden können, sei hier nur am Rande erwähnt.

Unsere Aufgabe als Gesellschaft muss es nun aber sein, Mittel und Wege zu finden, um solche extremen Entgleisungen im Internet so weit wie möglich einzudämmen, da sie sich ja, wenn man ehrlich ist, wohl nie ganz verhindern lassen werden. Dazu gehört auch, das wir nach den Ursachen dafür suchen, warum unsere vorhandenen Mechanismen gegen Mobbing im Internet gänzlich zu versagen scheinen.

Bei all dem, sollten wir es aber tunlichst vermeiden, die Anonymität im Internet vollends abschaffen zu wollen. Nicht nur, das dieser Lösungsansatz nur die Symptome anstatt der Ursachen bekämpft. Ein wahrscheinlicher Kollateralschaden dieses Ansatzes wäre, das wir es damit Whistleblowern  deutlich schwerer machen, ihr Wissen mit der Öffentlichkeit zu teilen.

Genau so wenig ziel führend wären auch die immer wieder ins Gespräch gebrachten, so genannten „Internet-Führerscheine“, als mögliche Zugangshürde für die Nutzung des Internets. Auch sie  würden nur wieder die Symptome und nicht die wirklichen Ursachen bekämpfen.  Internet-Führerscheine würden im Gegenteil eher dazu führen, das wir langsam aber stetig die Freiheit des Internets de facto abschaffen würden.

Nein, wir müssen uns Gedanken machen, wie wir einerseits die Freiheit und Anonymität des Internets erhalten und andererseits unsere vorhandenen Mechanismen gegen Mobbing in die digitale Welt transferieren und so an sie anpassen, das sie dort möglichst effektiv im Interesse der Opfer funktionieren. Alternativ müssen wir uns neue Mechanismen überlegen, falls sich die vorhandenen nicht in die digitale Welt transferieren lassen, weil dort möglicherweise völlig andere Lösungsansätze nötig sind, als im real life.

Wenn uns dies nicht gelingt, dann muss man ehrlich sagen, das wir als Gesellschaft in diesem Punkt kläglich versagt haben. Mir ist durchaus bewusst, das diese Aufgabe nicht leicht zu meistern sein wird und sehr wahrscheinlich auch unkonventionelle Lösungsansätze erfordern dürfte.

CC BY-SA 4.0 Die Anonymität im Internet lässt Hemmungen sinken von Heiko Adams ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

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