Zwei-Klassen-Informatik

Deutschland leistet sich seit etlichen Jahren den Luxus, zwei Typen von Informatikern auszubilden:

  1. Den klassischen Informatiker, der an den Universitäten ausgebildet wird.
  2. Den Fachinformatiker, der auf Wunsch der Wirtschaft geschaffen wurde und eine duale Ausbildung durchläuft.

De facto führt das aber auch zu einer Zwei-Klassen-Informatik, denn entgegen aller Beteuerungen, der Fachinformatiker wäre dem Informatiker ebenbürtig oder gleichwertig, werden viele Stellen nur explizit für Informatiker ausgeschrieben – und auch nur an solche vergeben. Des weiteren werden Fachinformatiker sehr oft mit Gehältern abgespeist, für die ein Informatiker wohl kaum aufstehen würde. Oder kann sich jemand vorstellen, als Informatiker mit Berufserfahrung für z.B. 1800 Euro im Monat zu arbeiten? Wohl eher nicht!

Der Fachinformatiker ist damit für viele Unternehmen anscheinend nicht mehr, als ein billiger „Informatiker Light“ der eben einfach nur schneller verfügbar ist, als ein studierter Informatiker. Wobei man sich durchaus fragen kann, ob ein studierter Informatiker tatsächlich besseren Code schreibt oder Projekte besser plant, als ein Fachinformatiker.

Ich persönlich würde mir daher wünschen, das man endlich auch in der Realität dahin kommt, das Informatiker und Fachinformatiker gleichwertig behandelt und bezahlt werden, indem der Grundsatz Fachinformatiker sind Informatiker gilt. Ob der Ball dafür jetzt im Feld der Politik oder der Wirtschaft liegt, ist mir ehrlich gesagt völlig egal, solange sich überhaupt mal was zum besseren ändert!

Zur Not auch dadurch, das man entweder einen der beiden Informatiker wieder abschafft oder indem man dem Fachinformatiker erlaubt, das er sich direkt nach der bestandenen Ausbildung und ohne irgendwelche Zulassungsprüfungen o.ä. an der Universität zum Informatiker weiterbildet.

Update: Man kann das ganze Problem auch kurz und prägnant in einem Satz zusammenfassen:

Wenn zwei das Gleiche tun, ist das noch lange nicht das Selbe

Disclaimer: Ich gebe hier nur meine eigenen Erfahrungen wieder und erhebe keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit von dem, was ich hier geschrieben habe.

CC BY-SA 4.0 Zwei-Klassen-Informatik von Heiko Adams ist lizenziert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international.

10 Antworten auf „Zwei-Klassen-Informatik“

  1. Du weisst aber schon, dass es einen Unterschied zwischen Informatikern und Fachinformatikern gibt?
    Fachinformatiker lernen Programmieren, Informatiker lernen das an der Uni eher nicht. Informatik ist vor allem ein mathematisches Studium. Wer einen Informatiker einstellt, der sucht jemanden, der ein Projekt leitet. Wer einen Fachinformatiker einstellt, sucht jemanden, der billig programmiert. Grob gesagt ist das wie der Schlachter der schlachtet, und der Schlachter, der die Firma leitet.

    Ja, der Fachinformatiker ist ein Informatiker light. Der Beruf wurde geschaffen, um schnell deutlich mehr Programmierer auszubilden, um auch Leuten eine berufliche Chance zu bieten, die nicht Informatik studieren wollen/können.

    In einem Punkt gebe ich Dir aber Recht: In Deutschland wird zuviel auf Papier geachtet und zu wenig auf tatsächliche Qualifikation. Ein Fachinformatiker mit entsprechender Berufserfahrung kann genausogut für die Position eines Informatikers geeignet sein. Ein bisschen Flexibilität sollte es schon geben. Und nicht jeder Informatiker hat was auf dem Kasten, Nulpen gibt es überall.

    1. Womit wir wieder bei Theorie und Praxis wären.

      Ich lese immer wieder Stellenangebote für Informatiker, in denen explizit Programmierer-Kenntnisse verlangt werden und die Stelle somit auch für einen Fachinformatiker geeignet wäre. Nur das er halt die falsche Berufsbezeichnung und damit kaum eine Chance auf die ausgeschriebene Stelle hat.

      Man sollte vielleicht mal darüber nachdenken, den Informatik-Studiengang so umzubauen, das die beiden Informatiker klarer getrennt sind und sich nicht mehr so stark überschneiden wie im Moment. Beispielsweise, indem das Programmieren aus dem Studium weitgehend ausklammert, dafür den administrativen Part stärker betont und das ganze dann eher ein Studiengang Projektmanagement ist. Oder den Informatik-Studiengang halt gleich ganz in die Tonne treten wegen Redundanz und so. Wenn ich das richtig sehe, gibt es kaum etwas in dem Informatik-Studium, was man einem Fachinformatiker währende seiner Ausbildung und/oder mit entsprechenden Weiterbildungen nicht auch beibringen kann.

      Oder um es ganz provokant zu formulieren: Seit es den Beruf des Fachinformatikers gibt, hat der Informatik-Studiengang de facto seine Daseinsberechtigung verloren, da er kein Alleinstellungsmerkmal hat.

  2. Ich las Deinen Artikel morgens, komme aber gerade erst zum Antworten. Direkt beim Lesen fiel mir eine Analogie im Bereich Elektrotechnik ein. Dort gibt es eine sehr feine Abstufung von beruflichen Inhalten, die ich früher stets so begriffen habe, dass man sehr eng aneinander gestuft ganz verschiedene berufliche Schwerpunkte ausbilden kann. Im Bereich Elektro gab es als pragmatischsten Ansatz die Meisterausbildung. Diese wurde früher meist von Leuten genutzt, die kein Abitur hatten und die aber trotzdem mehr machen wollten als „nur“ eine Ausbildung zum Gesellen (im Handwerk bzw. zum Informationselektroniker (so hiess das damals). Wer noch etwas mehr machen wollte, aber nicht studieren wollte (etwa, weil ihm das zu lange dauerte), konnte seinen Staatlich geprüften Techniker machen. Das war eine zweijährige schulische Ausbildung, die auf einem vorhandenem Beruf ausfsetzte und Berufserfahrung. Diese Ausbildung war in der Industrie eine zeitlang ziemlich gefragt. Man musste Technikern nicht soviel zahlen wie Ingenieuren und hatte als zusätzliches Goody, dass die Techniker sehr schnell einsetzbar waren. Ganz oben in der Hierarchie stand das Ingeniuersstudium. Innerhalb dieses Studiums gabs auch nochmal eine Zweiteilung zwischen FH Abschlüssen und Uni.-Abschlüssen. Analog zu dem, was Mareike oben andeutet, sind auch Ingeniuere eher für eine Projektleitung vorgesehen. Wenn man damals von Anfang an wusste, dass man Karriere machen wollte, dann musste man Elektrotechnik an der Uni studieren, am besten mit Promotion. Allerdings waren das die Leute, die, wenn sie aus der Uni kamen, keinerlei Ahnung vom Berufsleben hatten. Und sie waren schon recht alt. In der Regel hatten diese Leute recht lange studiert und hatten Firmen bestenfalls im Rahmen von Praktika erlebt. FH-Ingenieure waren weitaus realitätsnäher ausgebildet und ihr Studium dauerte deutlich weniger lang. Ich bin ein solcher FH.-Ingenieur für Nachrichtentechnik, Fachrichtung Automatisierungstechnik. Obwohl ich also den FH Weg nahm, zwei abgeschlossene, aufeinander aufbauende Ausbildungen habe, habe ich damals schon gedacht, dass es Zeit würde, die Studieninhalte deutlich zu überdenken und die Berufsbilder „anzugleichen“. Wenn Du schon im Beruf warst und dann in Labors z.B. nachweisen sollst, dass Strom durch einen Leiter fliesst (samt Beweisführung), Du aber wirkliche essentielle Dinge nicht im Studium lernst (was mir wurscht war, weil ich in einem sehr guten Ausbildungsbetrieb war), dann fragst Du Dich, was das alles soll. Dazu kam, dass man sich auch damals schon fragte, warum ein Studium in Deutschland so lange dauern muss. Ein Techniker war quasi von heute auf morgen einsetzbar im Unternehmen und konnte Projekte durchaus auch führen. Er konnte manche Dinge zwar nicht theoretisch reflektieren, aber man darf sich fragen, wie oft man sowas im Berufsleben wirklich braucht. In meiner Arbeit im technischen Vertrieb habe ich kaum mehr als das ohmsche Gesetz gebraucht. Nur mal so als Praxisprobe. Dafür hätte ich gerne mehr Programmieren gekommt, aber das musste ich trotz pragmatischem FH-Studium weitesgehend selber beibringen. Dito für Skills in Sachen Personalführung und Projektmanagement.

    So, jetzt komme ich wieder auf die Informatiker, die von der Uni kommen. Mareike sagte es bereits, man schiebt studierten Informatikern eher in Richtung Projektleitung und schnell auch in Richtung Personalverantwortung. So die Idee. Leider lernt man auch heute innerhalb des Studiums kaum, wie man Personal führt und selbst Projektmanagement wird eher als Ausnahme gelehrt. Dafür macht man tatsächlich unheimlich viel Mathematik. Das ist also ein wenig so wie in meinem Studium, wo dr Grundlagenbereich meiner Meinung nach vollkommen überbetont wurde. Bitte nicht falsch verstehen: ich bin sehr dafür, dass man Grundlagen parat hat. Sie sollten Teil der Prüfungen/Klausuren sein. Man sollte auf Verlangen beweisen können, wieso Strom durch einen Leiter fliesst. Ich finde es aber unerhört aufwendig und vergleichsweise nutzlos, damit wirklich viel konkrete (Labor)Zeit zu vertun. Bei den Informamtikern würde ich mir auch viel mehr Praxis wünschen. Auf FH’s ist das schon sehr gut, auf den Unis hat der Bologna-Prozess zwar dafür gesorgt, dass Prüfungsordnungen angepasst wurden und Studiengänge auch rudimentär kürzer wurden. Aber eigentlich hat man nur den Druck auf die Studierenden erhöht, in dem man gesagt hat, dass es teuer wird, wenn man länger studiert. Das ist keine qualitative Veränderung und schon gar keine Verbesserung.

    Ganz am Ende kommen wir wieder auf das Papier, dass in Deutschland immer noch heilig ist. Das Papier entscheidet immer noch viel zu oft, was Du verdienen kannst und auch, welche mögliche Karriere noch vor Dir liegt. Lebensläufe, wo jemand eine Ausbildung machte und sich dann durch sein Können, seine Hartnäckigkeit und Geschicktheit eine richtige Karriere aufbaut und damit eben auch die Vorruasetzung schafft, um mehr zu verdienen, ist hierzulande immer noch sehr sehr unterentwickelt. Ich habe in den letzten zwanzig Jahren viele Leute eingestellt und manche auch entlassen müssen. Ich hätte mir oft gewünscht, Positionen mit den richtigen Leuten besetzen zu dürfen und nicht mit denen, die das richtige Papier haben. Leider habe ich tatsächlich nicht den Eindruck, dass beispielsweise sogenannte bunte Lebensläufe (ich meine Leute, die unterschiedliche Sachen gemacht haben und alle oder mindestens die meisten, abgeschlossen haben) eine wirklich gute Chance haben. Ich habe eher den Eindruck, dass es seit einigen Jahren wieder eine Rückwärtsbewegung gibt. Nachdem Papier Mitte der 1990er Jahre etwas unwichtiger wurde, sind sie seit etwa 2002 wieder wichtiger. In allzu vielen Fällen: Leider.

    1. Wie gesagt: Das Problem ist nur, das es anscheinend sehr viele Unternehmen gibt, die Informatiker als Programmierer und nicht als Projektleiter etc. suchen, worunter dann natürlich der Fachinformatiker leidet. Da man in Deutschland noch immer sehr viel auf Titel gibt, gilt der Informatiker aufgrund seines Studiums anscheinend per se als besser im Vergleich zu einem Fachinformatiker, der „nur“ eine duale Ausbildung und eventuell ein paar Weiterbildungen, aber kein Studium, vorzuweisen hat.

      Und meines Wissens gehört das Programmieren nach wie vor zumindest bei einigen Informatik-Studiengängen zum Lehrplan. Wenn es aber wirklich so ist, wie Du sagst, das die Informatiker eher für den Administrativen Bereich vorgesehen sind, dann sollte man ihnen doch bitte die Fähigkeit zu Programmieren nehmen indem man diesen Part aus dem Lehrplan streicht und damit dann auch gleichzeitig den Fachinformatiker aufwerten.

      Entgegen anders lautender Meinungen ist die Fachinformatiker-Ausbildung nämlich alles andere als ein Spaziergang: Die Bandbreite an Wissen, die während der Ausbildung vermittelt wird ist sehr weit gefächert, was es im Gegensatz zu anderen Berufen fast unmöglich macht, sich zielgerichtet auf die Abschlussprüfungen vorzubereiten. Man musste zumindest während meiner Ausbildungszeit immer pokern. Entweder man konzentriert sich auf einen gewissen Teil des Stoffes und hofft, das möglichst viel davon in der Prüfung abgefragt wird, oder man kratzt alles ein wenig an und hofft, das es reicht, um die Prüfung zu bestehen.

      1. Heiko,

        nur kurz eben: Deinen Beruf will keiner abwerten, ich schon einmal gar nicht. Ich bin auch der Meinung, dass wir in Deutschland einen Mindestlohn brauchen. Wenn man schon einen Ausbildungszeig schafft, dann sollte man auch sicherstellen, dass die Absolventen genug Geld verdienen, sich zu ernähren.

        That said: Mein Mann hat in der Uni kein Programmieren gelernt, das war nicht Teil des Lehrplans. Wer Informatik studiert, also im Endeffekt Mathematik, der sollte in der Lage sein, sich so etwas selber beizubringen. Und: Informatiker von der Uni brauchen meist genauso Programmierkenntnisse wie Fachinformatiker. Es wird halt nur von ihnen erwartet, dass sie sich das bitte selber beibringen, das Studium ist nämlich schon vollgestopft genug. Ob das so sinnvoll ist, darüber lässt sich streiten. Ich habe heute mal meinen Mann gefragt, und er meint, dass er in seinem Studium nichts Unnützes gelernt hat, gerade nicht was die Mathematik angeht.

        Ich bin ganz froh, dass wir in England leben. Mein Chef hat gar keinen Abschluss in Informatik, der ist Astrophysiker und hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Interessiert hier keine Sau, solange Du weisst, was Du tust.
        Ich habe meinen Abschluss noch nicht, studiere noch gerade zuende, aber mein Übersetzungsstudium in Deutschland und meine Erfahrung im Übersetzen reichen völlig aus, mich als Lokalisierungsmanagerin einzustellen. Ich würde mir diese Artt der Flexibilität auch für Deutschland wünschen. Dort bekäme ich den Job, den ich jetzt habe, maximal nach 15 Jahren im Beruf. Und mein Mann hat seinen auch noch nicht, das interessiert hier aber keinen. Er hat ja gezeigt, was er kann.

        1. Ich meine mich finster zu erinnern, das es im Informatik-Studium zumindest eine Art Grundkurs Programmieren gibt. Aber welcher Informatik-Studiengang das genau war, weiß ich nicht mehr, es gibt ja neben dem reinen Informatiker mindestens noch den Wirtschaftsinformatiker.

          Das Hauptproblem an meinem Beruf ist, das ich mich gegen andere Fachinformatiker und Informatiker durchsetzen muss, um eine Stelle zu bekommen. Und gegen einen Informatiker ziehst Du als Fachinformatiker so gut wie immer den kürzeren. Einfach, weil er studiert hat und damit anscheinend in den Augen vieler Personalverantwortlicher per se besser ist als ein Fachinformatiker. Und damit wird mein Beruf de facto abgewertet, ob man es nun will oder nicht und das ist es, was mich so wütend macht.

          Haltet uns Fachinformatikern einfach die ganzen Informatiker vom Hals und wir haben ein großes Problem weniger.

          1. Nuja, mein Schwager ist Wirtschaftsinformatiker, und der hat das an der Uni auch nicht selber gelernt.

            Mein Mann meinte lachend, dass die ganzen Gamerkiddies, die mit ihm angefangen haben, weil Coden ja so cool ist, und im Film sieht das so toll aus, meist ganz schnell verschwunden waren. Ja, an der Uni Bonn saß mal ein Fachbereich für Robotik, da hat mein Mann seine Diplomarbeit angefangen, bevor wir ausgewandert sind. Da kann man dann für seine Diplomarbeit auch Roboter im Foyer rumfahren lassen. Davor liegt aber ein Jammertal aus Diskreter Mathematik, Technischer Informatik und so Sachen wie „Algorythmisches Denken und imperative Programmierung“ – alles gar nicht cool.

    2. Auch ich möchte beginnen und möchte explizit betonen, dass ich Deinen (Ausbildungs)Beruf nicht klein reden will. Es ging mir um eine Darstellung, wie ich sie am Markt erlebe. Ich bin schon ein Stückchen älter im Vergleich zu Dir und schon damals gab es den Effekt, dass die pragmatischeren Ansätze in Bezug auf den Beruf zwar begrüßt wurden auf Arbeitgeberseite. Die Arbeitgeber sind es aber auch gewesen, die Grenzen aufbrachen und weiter aufbrechen. Ein Beispiel: Als ich meine Lehre anfing, so war es erklärtes Ziel, keine Abiturienten einzustellen. Man wendete sich gezielt an Realschüler mit naturwissenschaftlicher Begabung. Der Ausbildungschef meiner Firma meinte damals, Abiturienten sollten Studieren und nicht den Real- und Hauptschülern den Job wegnehmen. Heute kann man getrost festhalten, dass Arbeitgeber auch einen diplomierten Straßenkehrer einstellen würden, wenn sie denn für kleines Geld bekommen würden. Das ist ein trauriger Trend.

      Aus meiner Sicht sollten sich Mitarbeiter bewähren und ich würde den fördern, der sich gut anstellt. Die gemachte Ausbildung gibt doch im Grunde genommen sowieso kaum wieder, wie gut oder schlecht sich jemand nachher im Beruf anstellt. Wieso sollte also nicht jemand, der als Fachinformatiker eingestellt wurde und quasi als „Indianer“, gefördert werden und sogar „Häuptling“ werden können? Leider bin ich mit dieser Einstellung immer noch eher ein Exot. Heute berate ich Firmen u.a. auch darin, wie sie ihr Personal gut einsetzen können. Ich trage dabei nicht die Personaler-Brille, sondern schaue die Aufgaben an, die zu erledigen sind. Es geht meist um Fachleute. Aber es geht, außer bei jungen Hochschulabsolventen, nur zum Teil um ihre Papiere. Andererseits muss ich das auch verkaufen können, d.h. ganz ohne Papiere geht es auch nicht.

      Mal ein Satz zur natürlichen Auslese beim Studium. Zu meiner Zeit wurden bis zum Absolvieren des Grundstudiums 75 Prozent der Leute ausgesiebt. Andersherum ausgedrückt. Nur 25 Prozent der Studienanfänger gingen ins Hauptstudium. Auslese ist gewollt. An unserem ersten Tag auf meiner FH sagte dies der Dekan auch wortwörtlich. Damals schwafelte man allerdings noch nicht von Elite und so solchen dollen Begrifflichkeiten.

      Dass heute Unternehmen die Stellen mit möglichst hohen Abschlüssen besetzen ist ein Trend, den es an sich schon lange gibt. Erst Recht gibt es ihn, seit der Zusammenhang zwischen bestimmten Schulabschlüssen, dem erlernten Beruf und dem Einsatzzweck im Untrnehmen zunehmend verschimmt. Wie gesagt: Es gab eine Zeit, da sagte man, man wolle keine Abiturienten für die „Indianer“ Jobs. Wenn die industrie heute vom Fachkräftemangel spricht, dann ist dieser mindestens teilweise hausgemacht. Würden sie sich nicht selber den Nachwuchs wegnehmen, gäbe es diesen Mangel nicht in diesem großen Ausmaß. Außerdem ist der Fachkräftemangel natürlich auch politisch gewollt. Wenn man permanent vom Mangel redet, bringt man die Politik dazu, Zuzug leichter zu ermöglichen und dieser Zuzug an Leuten sorgt auch dafür, dass man nicht in eine Bewerber-Markt-Situation kommt, sondern stattdessen die Arbeitgeber am Hebel bleiben. Ein früherer Kollege nannte es dann einen Bewerber-Markt, wenn der Mangel an Stellen so groß war/ist, dass die Bewerber bestimmen, was die Firmen (finanziell) anbieten müssen. Sowas kostet die Firmen natürlich richtig Geld, weil schon Einstigesgehälter höher sind als zu anderen Zeiten. Heute gibt es Segmente, wo wir diesen Bewerber-Markt wieder haben. An vielen anderen Stellen sitzen aber nach wie vor die Arbeitgeber am längeren Hebel.

      Informatiker ohne Programmierskills? Naja, das halte ich für nicht richtig und nicht gut. Gerade die Leute in den Führungspositionen sollten beurteilen können, ob Dinge gut laufen oder nicht, d.h. sie müssen nicht so gut sein wie gute Programmierer, aber sie sollten nachvollziehen können, was der Programmierer macht. Führung ohne Fachskills haben wir doch schon breitflächig. Seit mehr als zehn Jahren werden Führungspositionen mehr und mehr von vorne herein mit fachlich ahnungslosen Wirtschaftswissentschaftlern besetzt. Willst Du schnell in den Beruf (kurzes Studium) und Chancen haben branchenübergreifend, dann studierst Du BWL. Die dann in Fachbereichen eingesetzten aber an sich ahnungslosen Wirtschaftswissentschaftler sind heutzutage überall anzutreffen. Meiner Meinung sorgen sie auch an vielen Stellen für große Probleme. Schon der direkte Vorgesetzte kann die Sorgen und Nöte seiner „Indianer“ oft gar nicht mehr nachvollziehen. Es entsteht schon dort eine Kluft. Das ist schlecht. So gesehen möchte ich auch eigentlich nur ungern, dass Informatiker noch mehr Skills entzogen werden, als sie ohnehin schon (nicht) haben direkt nach dem Studium. Vielleicht sollte man stattdessen für mehr Variabilität innerhalb des Faches Informatik sorgen. So könnte ein Bachelor Abschluss ein Abschluss sein, der einen schnell in den Beruf bringt und praktischer veranlagt ist, während der Master-Abschluß weiter der Abschluß für diejenigen ist, die von Anfang an auf Karriere aus sind.

      Was den Fachinformatiker angeht, so gilt es, diesen Abschluß aufzuwerten. Vielleicht nicht automatisch, aber wenigstens als reale Möglichkeit sollten es Firmen in Betracht ziehen, diese gut ausgebildeten Pragmatiker auch als solche einzusetzen im Unternehmen. Anfangen als Indianer, der programmiert und wenn er/sie sich bewährt, dann auf und los in Richtung Karriere. Das wäre mein Wunschplan.

      1. Wo Du gerade das Thema Fachkräftemangel ansprichst: An den glaube ich absolut nicht. Ich glaube eher, das der nur herbeigeredet wird, um die Arbeitnehmer unter Druck zu setzen, auch für weniger Geld zu arbeiten. Würde es diesen flächendeckenden Fachkräftemangel tatsächlich geben, dann würden ja auch die Gehälter wieder kräftig steigen, was aber eher nicht der Fall ist. Das jedoch einen regional begrenzten Fachkräftemangel gibt, will ich nicht per se ausschließen.

        Wenn man sich dann noch so manche Stellenangebote anschaut, insbesondere, was gefordert und was geboten wird, dann wundert es einen doch nicht wirklich, das die Stellen sehr lange unbesetzt sind. Erschwerend kommt dann noch hinzu, das anscheinend immer weniger Firmen bereit sind, in die Weiterbildung ihrer Angestellten zu investieren und das immer öfter zum Privatvergnügen der Angestellten erklären. Und anstatt einen Bewerber, der vielleicht nur 95% der Anforderungen erfüllt einzustellen und ihm die fehlenden 5% noch beizubringen wartet man lieber, bis man jemanden findet, der 100% auf die ausgeschriebene Stelle passt und redet in der Zwischenzeit einen angeblichen Fachkräftemangel herbei.

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